Warum Empathie auch erschöpfend werden kann

Warum Empathie auch erschöpfend werden kann, Frau am Meer
Susanne Hillar, Netzwerkmitglied
Susanne Hillar

Wenn ich im Coaching frage: „Was magst du an dir?“ bekomme ich von meinen meist sehr empathischen Klientinnen und Klienten oft die Antwort: „Dass ich so empathisch bin.“

Und ehrlich gesagt: Mir ging es lange ganz genauso.

Meine Empathie war etwas, das ich besonders an mir mochte und das auch andere an mir richtig gut fanden.

Weil ich so einfühlsam war, gespürt habe, was sie brauchen, oft schon bevor sie es selbst wussten. Also habe ich mich stark darüber definiert. So wie viele der Menschen, mit denen ich heute arbeite.

Empathisch zu sein fühlt sich ja auch gut an. Sinnvoll. Wertvoll. Wir fühlen uns dadurch verbunden, gebraucht, manchmal sogar geliebt. Und gleichzeitig sind wir erschöpft vom vielen Fühlen, vom Mitleiden, vom Nicht-enttäuschen-wollen. Denn:

Empathie ist nicht nur eine Gabe. Sie ist oft auch eine erlernte Überlebensstrategie.

Und die kostet uns heute unfassbar viel Kraft. Und das macht einfach so viel Sinn.

Ist Empathie traumabedingt?

Nicht jede Form von Empathie hat mit Trauma zu tun. Und gleichzeitig gilt:

Ein großer Teil besonders ausgeprägter Empathie entsteht dort, wo sie einmal notwendig war.

Viele empathische Menschen sind in Familiensystemen aufgewachsen, in denen es wichtig war, Stimmungen früh zu erkennen, um sich sicher zu fühlen:

  • Familien, in denen wenig gesprochen wurde und viel zwischen den Zeilen lag.
  • Familien mit Konflikten, emotionaler Unruhe oder unterschwelliger Spannung.
  • Umfelder, in denen Kinder Verantwortung für Harmonie übernommen haben

Als Kinder haben wir gelernt: Wenn ich genau spüre, wie es den anderen geht, kann ich mich anpassen. Dann bleibe ich sicher – und werde geliebt.

So wird Empathie zur Schutzfunktion. Zu etwas, das uns trägt. Und das wir später nicht einfach wieder ablegen können – selbst dann nicht, wenn wir längst erwachsen sind.

Warum Empathie auch erschöpfend werden kann, grübelnde Frau

Warum kann Empathie so erschöpfend werden?

Ist Empathie aus Schutz entstanden, bleibt unser inneres System oft dauerhaft auf Empfang. Das zeigt sich zum Beispiel so:

  • Wir scannen ständig den Raum
  • Wir fühlen uns nur dann sicher, wenn es allen anderen gut geht
  • Unser Wertgefühl hängt davon ab, ob wir helfen, unterstützen oder gebraucht werden
  • Wir sind also fast ständig im Außen
  • Innerlich unruhig, kommen kaum zur Ruhe

Abends läuft die Gedankenspirale: Habe ich alles richtig gemacht? Ist jemand enttäuscht von mir?

Warum Empathie auch erschöpfend werden kann, Frau Trinkt Kaffee

Wenn Empathie uns täuscht

Das Ding ist: Wenn Empathie aus alten Schutzmustern wirkt, ist sie oft auf mögliche Gefahr ausgerichtet. Wir nehmen Spannungen wahr – und beziehen sie sofort auf uns:

  • Jemand grüßt nicht: „Was habe ich falsch gemacht?“
  • Eine Kollegin ist still: „Bestimmt ist sie sauer auf mich.“

So entsteht innerer Dauerstress. Wir orientieren uns an den Stimmungen anderer und wissen irgendwann gar nicht mehr, was wir selbst brauchen. Geschweige denn, was wir eigentlich wollen. Die Folge:

  • Emotionale Erschöpfung
  • Abgrenzungsschwierigkeiten
  • Reizüberflutung.
Warum Empathie auch erschöpfend werden kann, Frau im Lotussitz

Empathie und transgenerationales Trauma

Oft sind diese Muster schon lange in unserem Familiensystem aktiv und entstehen nicht erst in unserer eigenen Kindheit.

In vielen Familien war es über Generationen hinweg wichtig, Stimmungen zu lesen, sich anzupassen, nicht aufzufallen – vor allem für Frauen.

Diese Muster werden epigenetisch weitergegeben: leise, unbewusst und trotzdem wirksam.

Wie Empathie wieder leicht werden kann

Empathie ist eine wunderbare Fähigkeit. Und sie darf sich weich, verbunden und nährend anfühlen. Was du tun kannst:

  • Mit deinem Nervensystem arbeiten, damit du dich wieder sicher fühlen kannst
  • Alte Überlebensstrategien erkennen und loslassen
  • Transgenerationales Trauma auflösen – für dich und alle, die nach dir kommen.

Dann kann Empathie wieder zur Gabe werden – ohne uns auszulaugen.

Wenn du mehr darüber wissen magst: Ich spreche in Folge 10 meines Podcasts „Sensitive Space“ ausführlicher über dieses Thema.

Alles Liebe für dich Susanne

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Warum kann Empathie bei Hochsensiblen so erschöpfend wirken?

Weil sie häufig aus einer erlernten Überlebensstrategie stammt. Wer früh gelernt hat, sich emotional an andere anzupassen, bleibt oft dauerhaft im Scan-Modus und verliert den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen.

Welche Rolle spielt das Nervensystem bei empathischer Erschöpfung?

Ein überreiztes Nervensystem bleibt ständig auf Empfang, prüft unbewusst die Stimmung anderer und verursacht innere Unruhe, Schlafprobleme und Reizüberflutung.

Ist eine übermäßige Empathie immer traumabedingt?

Nicht immer, aber häufig. Besonders stark ausgeprägte Empathie entsteht oft in Kindheitssituationen, in denen emotionale Sicherheit von Anpassung abhing.

Was sind Anzeichen dafür, dass Empathie aus alten Schutzmustern stammt?

Dazu gehören permanente Selbstzweifel, Worst-Case-Denken, die ständige Sorge um das Wohlbefinden anderer und Schwierigkeiten, sich emotional abzugrenzen.

Wie kann Empathie wieder leicht und kraftvoll werden?

Indem man mit dem eigenen Nervensystem arbeitet, alte Schutzmuster erkennt, transgenerationale Traumata löst und echtes Mitgefühl neu erlernt – für sich selbst und andere.

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