Warum Krisen mehr Selbstmitgefühl brauchen als Selbstkritik

Warum Krisen mehr Selbstmitgefühl brauchen als Selbstkritik, Marienkäfer auf einem Blatt

(Von Inga Dalhoff, Netzwerkmitglied für 82061 Neuried/D) Wenn Menschen in eine Krise geraten, ist der erste Impuls oft Widerstand.

Inga Dalhoff, Netzwerkmitglied
Inga Dalhoff

Wir möchten die Situation möglichst schnell hinter uns bringen. Wir wünschen uns, dass die Angst verschwindet, die Unsicherheit aufhört und das Leben wieder so wird wie zuvor.

Hinzu kommt häufig ein zweiter, noch schmerzhafterer Prozess:

Wir beginnen, mit uns selbst zu hadern.

  • Warum komme ich nicht besser damit zurecht?
  • Warum schaffe ich das nicht?
  • Warum scheinen andere Menschen ihr Leben im Griff zu haben, während ich feststecke?

Gerade empathische Menschen kennen diese innere Härte. Sie bringen oft viel Verständnis für andere auf, begegnen sich selbst jedoch mit Kritik, Ungeduld oder Scham.

Dabei sind Krisen kein Zeichen von Schwäche.

Sie sind ein natürlicher Teil des Lebens.

Und vielleicht besteht ihre wichtigste Aufgabe nicht darin, möglichst schnell überwunden zu werden, sondern darin, dass wir lernen, uns selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen.

Entwicklung verläuft in Zyklen

Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick auf die natürlichen Entwicklungszyklen unseres Lebens.

Viele Menschen stellen überrascht fest, dass ihre Krise nicht zufällig entstanden ist. Oft befindet sie sich eingebettet in einen größeren Entwicklungsprozess, der Menschen seit Generationen begleitet.

Wie ein Fluss durchläuft auch unser Leben verschiedene Abschnitte. Manche verlaufen ruhig, andere gleichen Stromschnellen.

Doch jede Phase trägt ihre eigene Aufgabe und ihre eigene Weisheit in sich.

Ein Blick auf die Siebenjahreszyklen kann viel Klarheit und inneren Frieden schenken.

Wir könnten uns auch die Jahrzehnte anschauen, aber ich wähle die Siebenjahreszyklen, weil die Sieben uns als eine besondere Zahl bekannt ist – aus der Bibel, aus Märchen, der fernöstlichen Chakrenlehre und der hiesigen Anthroposophie. Weil unsere Woche sieben Tage hat und der Mond in vier mal sieben Tagen um die Erde Kreis.

Warum Krisen mehr Selbstmitgefühl brauchen als Selbstkritik, Schmetterling auf einer Hand

Von Kraft & Zauber natürlicher Entwicklungszyklen im Siebenjahresrhythmus

Mit der Geburt

tauchen wir aus der Geborgenheit des Mutterleibes in das Irdische Sein ein. Die wohl größte Zäsur in unserem Leben. Alles ist neu, jede Empfindung, jede Körperfunktion will kennengelernt, erforscht und eingeordnet werden. Alles erscheint überwältigend und doch im besten Fall sicher und geborgen im Kreise der Familie.

Um das 7. Lebensjahr

Mit dem Zahnwechsel und der Einschulung beginnt ein neuer Abschnitt.

Als Kind lösen wir uns langsam aus der frühen Geborgenheit der Familie und entdecken die Welt eigenständiger. Erste Selbstständigkeit erwacht.

Um das 14. Lebensjahr

Die Pubertät verändert Körper, Gefühle und Denken.

Wir entdecken unsere Sexualität, hinterfragen Autoritäten und beginnen, Verantwortung für unser eigenes Leben zu übernehmen. Eine erste bewusste Identitätskrise fordert uns.

Um das 21. Lebensjahr

Viele junge Erwachsene verlassen das Elternhaus, ringen mit den Herausforderungen von Ausbildung oder Studium.

Die Frage „Wer bin ich und was mache ich aus meinem Leben?“ gewinnt an Bedeutung und kann uns ganz schön verunsichern.

Um das 28. Lebensjahr

Nun rücken Themen wie Beruf, Partnerschaft, Familiengründung und finanzielle Sicherheit stärker in den Vordergrund.

Der sogenannte Ernst des Lebens beginnt. Viele treffen weitreichende Entscheidungen und legen sich fest. Das kann Ängste wecken.

Um das 35. Lebensjahr

Erste Zweifel tauchen auf.

War das wirklich die richtige Berufswahl? Lebe ich die Beziehung, die zu mir passt? Warum meldet sich mein Körper plötzlich mit Beschwerden?

Oft werden Menschen in dieser Phase kritischer gegenüber gesellschaftlichen Erwartungen und beginnen, ihren eigenen Weg bewusster zu hinterfragen und spüren Verunsicherung.

Um das 42. Lebensjahr

Der Wunsch nach Selbstverwirklichung wird stärker.

Viele spüren, dass sie nicht mehr nur funktionieren möchten. Es entsteht die Sehnsucht nach Sinn, Echtheit und einem Leben, das den eigenen Werten entspricht. Eine Sinnkrise kann hieraus erwachsen.

Um das 49. Lebensjahr

Die klassische Midlife-Krise kann anklopfen.

Was möchte ich mit der zweiten Hälfte meines Lebens anfangen? Was ist wirklich wichtig? Was darf gehen und was möchte ich bewahren?

Diese Fragen können herausfordernd sein, eröffnen aber oft neue Perspektiven.

Ab Mitte fünfzig

Die eigene Vergänglichkeit wird spürbarer.

Der Körper verändert sich. Eltern werden pflegebedürftig oder sterben. Freundschaften wandeln sich. Wir werden Großeltern.

Viele Menschen fragen sich nun: Wie möchte ich alt werden? Mit wem möchte ich diesen Lebensabschnitt gestalten? Wie gehe ich mit meiner Vergänglichkeit um?

Um das 63. Lebensjahr

Der Übergang in den Ruhestand steht bevor oder hat bereits begonnen.

Manche erleben diese Phase als Befreiung, andere als Verlust von Struktur und Bedeutung.

Neue Fragen entstehen: Was möchte ich noch gestalten? Was möchte ich weitergeben? Wie sorge ich gut für meine Gesundheit und Lebensfreude? Das Leben erfährt einen großen Umbruch.

In meiner Arbeit mit Menschen spielen Biografiearbeit und die Betrachtung von Lebenszyklen eine wichtige Rolle. Nicht, um Menschen in feste Schablonen einzuordnen, sondern um Verständnis zu fördern.

Denn viele Krisen verlieren bereits einen Teil ihres Schreckens, wenn wir erkennen, dass sie Ausdruck eines natürlichen Entwicklungsschrittes sein können.

Aus der Frage „Was stimmt nicht mit mir?“ wird dann die wesentlich hilfreichere Frage:

„Was möchte in meinem Leben gerade gesehen, verstanden oder verändert werden?“

Diese Perspektive öffnet einen Raum für Selbstmitgefühl. Statt gegen uns selbst zu kämpfen, können wir beginnen, uns mit Neugier, Freundlichkeit und Verständnis zu begegnen.

Warum Krisen mehr Selbstmitgefühl brauchen als Selbstkritik, Heuschecke auf einer Hand

Krisen brauchen Mitgefühl statt Selbstverurteilung

Das Schwierigste an einer Krise ist oft nicht die Krise selbst.

Es ist die Art, wie wir mit uns selbst sprechen.

Viele Menschen machen sich Vorwürfe. Sie schämen sich für ihre Erschöpfung, ihre Ängste oder ihre Orientierungslosigkeit. Sie glauben, stärker, belastbarer oder erfolgreicher sein zu müssen.

Doch würden wir mit einem guten Freund oder einer guten Freundin genauso sprechen? Wahrscheinlich nicht.

Selbstmitgefühl bedeutet, uns selbst dieselbe Freundlichkeit entgegenzubringen, die wir anderen Menschen schenken.

  • Es bedeutet, die eigene Verletzlichkeit anzuerkennen, ohne sich dafür zu verurteilen.
  • Es bedeutet, sich selbst in schwierigen Zeiten nicht zusätzlich zur Last zu fallen.

Gerade in Krisen ist das kein Luxus, sondern eine Form tiefgreifender Selbstfürsorge. Denn Heilung beginnt oft dort, wo der innere Kampf endet.

Vielleicht ist Ihre Krise tatsächlich eine Stromschnelle im Fluss des Lebens.

Eine Passage, die Sie durchwirbelt, herausfordert und manches durcheinanderbringt.

Doch vielleicht lädt sie Sie zugleich dazu ein, etwas Neues zu lernen:

Nicht nur dem Leben mehr zu vertrauen.

Sondern auch sich selbst.

  • Mit mehr Freundlichkeit.
  • Mit mehr Geduld.
  • Und mit dem Mitgefühl, das Sie anderen Menschen so selbstverständlich schenken.

Inga Dalhoff

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